Antibiotika


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Antibiotika - der Treibstoff der Massentierhaltung

Die vom nordrhein-westfälischen Umwelt- und Landwirtschaftsminister Johannes Remmel (Bündnis 90/Die Grünen) in Auftrag gegebenen Studie zum Medikamenteneinsatz in der Hähnchenmast zeigt deutlich, dass die permanente Vergabe von Antibiotika in der industriellen Tierhaltung zur Regel geworden ist. In 83 Prozent der Mastdurchgänge wurden antimikrobielle Substanzen eingesetzt. Insgesamt wurden 96,4 Prozent der Tiere mit Antibiotika behandelt. Eine nähere Betrachtung der Ergebnisse legt außerdem nahe, dass die antimikrobiellen Medikamente nicht zu therapeutischen Zwecken vergeben wurden, sondern präventiv und wachstumsfördernd. Das zeigt sich vor allem darin, dass in den untersuchten Zuchtdurchgängen bis zu acht verschiedene Antibiotika verwendet wurden. Außerdem betrug bei 53 Prozent der Behandlungen der Anwendungszeitraum nur 1-2 Tage. Unter medizinischen Gesichtspunkten im Krankheitsfall würden Tierärztinnen und -ärzte aber immer eine Behandlung von mindestens sieben Tagen ansetzen. Diese Vergabepraxis verstößt gegen die Zulassungsbedingungen der Medikamente und trägt in unverantwortlicher Weise zur Resistenzbildung bei.

Was ist zu tun?

Seit Anfang 2011 werden die Daten zur Erfassung der Antibiotika-Vergabe beim Deutschen Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) erfasst. Leider werden zurzeit nur die ersten beiden Ziffern der Postleitzahlen der Tierarztpraxen dokumentiert. Für die Geflügelindustrie existiert quasi als Lobby-Geschenk eine Ausnahme-Regelung, so dass die Verschreibung von Medikamenten, die nur für Geflügel zugelassen sind, gar nicht dokumentiert werden. Die für Strafverfolgung zuständigen Bundesländer haben so nur eine sehr schwache Ermittlungsposition, die noch dadurch erschwert wird, dass sie Informationen nur auf Nachfrage bei der zuständigen Bundesbehörde bekommen. Bereits seit Monaten drängen daher die Grüne Bundestagsfraktion und die Länderregierungen darauf, mehr Transparenz bei der Erfassung der Antibiotika-Vergabe herzustellen. Hierzu gab es entsprechende Anträge der Grünen, die bisher alle von Schwarz-Gelb abgelehnt wurden. Unter dem Druck der Faktenlage hat Bundesverbraucherschutzministe
rin Ilse Aigner nun angekündigt, die Blockade-Haltung der Regierung aufzugeben und die Standards der Erfassung in Richtung mehr Transparenz zu ändern. Es bleibt abzuwarten, ob die Ministerin diesmal tatsächlich mutig voranschreitet, oder ob sie auf halber Strecke Kehrt macht und letztlich nur die Ankündigung bleibt. Drei Punkte sind entscheidend:

- Für die Erfassung der Daten darf es in Zukunft keine Sonderregelungen mehr geben, die einzelne Industriezweige wie die Geflügelwirtschaft von ihren Dokumentationspflichten entbindet.
- Bei der Erfassung muss die komplette Adresse der behandelnden Tierärztin bzw. des behandelnden Tierarztes genannt werden, damit die Angaben nachvollziehbar sind.
- Außerdem müssen die Länder aktiv über Missstände informiert werden, damit sie in der Lage sind, zeitnah zu ermitteln.


Neben einer transparenteren Erfassung der Daten braucht es außerdem schärfere Kontrollen und Konkretisierungen im Arzneimittelgesetz. Hierzu wird die Grüne Bundestagsfraktion Ende des Jahres einen Antrag vorlegen. Es muss alles daran gesetzt werden, die Gesamtmenge des Antibiotika-Verbrauchs in der Tierhaltung zu reduzieren. Denn die daraus resultierende Bildung von multiresistenten Keimen wie MRSA (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus) oder ESBL (Extended Spectrum Beta-Lactamasen) stellen eine Bedrohung für die Gesundheit der Bevölkerung dar. Vor allem über die Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen gelangen die Bakterien in die sensibelsten Bereiche der menschlichen Gesundheit. Das Mindeste wäre es deshalb, dass die Regierung endlich ein obligatorisches Screening in Hospitalen und Pflegeheimen einführt, sowie es in den Niederlanden und Dänemark bereits besteht. Dort werden Menschen vor der Einlieferung genau untersucht ("gescreent") und bei positivem Bakterienbefund sofort isoliert. Wir fordern die Bundesregierung auf, diese Maßnahme eines vorsorgenden Bevölkerungsschutzes auch in Deutschland einzuführen.

Die Systemfrage

Insgesamt aber geht es - und das hat die Studie aus NRW hat noch einmal eindringlich belegt - um die Systemfrage; denn die massenhafte und permanente Vergabe von Antibiotika hat sich erneut vor allem als Problem der industriellen Tierhaltung erwiesen. Das liegt vor allem daran, dass Tiere in Großanlagen aus wirtschaftlichen Gründen in Enge gehalten werden, was ein günstiger Nährboden für die Bildung von Resistenzen ist. Kleine bäuerliche Betriebe mit längeren Mastzeit wiesen eine weitaus geringere Behandlungsintensität aus. Wir wollen deshalb den Pfad der industriellen Tierhaltung verlassen und fordern in diesem Sinne klar definierte Standards für die Haltung von Nutztieren.