Unsere Position

Position der Bürgerinitiative „Sauberes Sülzetal“

zum geplanten Bau einer Geflügelmastanlage in der Ortslage Stemmern

 

Zur geplanten Errichtung einer Geflügelmastanlage mit 350.000 Plätzen im Ortsteil Stemmern der Gemeinde Sülzetal durch den holländischen Investors Gerritt Tomkins nehmen wir folgendermaßen Stellung:


Wir begrüßen grundsätzlich, dass unsere Gemeinde Investitionen offen gegenübersteht. Wir setzen uns aber dafür ein, dass Bau- oder Investitionsvorhaben mit Blick auf mögliche Auswirkungen auf unsere Umwelt, auf die Gesundheit und das Befinden von Menschen und Tieren sowie die Qualität unseres Lebensstandortes geprüft und bewertet werden. Viel zu oft haben sich in der Vergangenheit Investitionsvorhaben, die eine gute wirtschaftliche Entwicklung und die Schaffung von Arbeitsplätzen versprochen haben, als Fehlentwicklungen erwiesen.

Im konkreten Fall – der geplanten Errichtung einer Geflügelmastanlage mit 350.000 Tierplätzen in Stemmern – sind aufgrund der Größe der Anlage ein förmliches Genehmigungsverfahren anhand des Bundes-Immissionsschutzgesetzes sowie die Durchführung einer Umweltverträglichkeitsprüfung vorgeschrieben.

Dem konkreten Bauvorhaben stehen wir kritisch gegenüber. Wir bezweifeln, dass die geplante Anlage alle Genehmigungsvoraussetzungen erfüllen kann. Vielmehr befürchten wir, dass mit der Errichtung und dem Betrieb einer solchen industriellen Massentierhaltungsanlage massive negative Auswirkungen verbunden sind und erhebliche Belastungen für die Bürger und Bürgerinnen der gesamten Region entstehen.

 

Insbesondere bestehen zusammengefasst folgende Bedenken: 

1)     Schädigung der Natur und der Umwelt, u.a. durch Emissionen, Abfälle (Gülle), etc.

2)     Belastung des Grundwassers durch Überdüngung der Ackerflächen (insbes. in Dorfnähe)

3)     Belästigung durch Lärm, Abgase und Verunreinigungen u.a. durch erhöhtes Transportaufkommen

4)     Gesundheitsgefährdung von Mensch und Tier durch Emissionen (geruchs- und keimbelastete Abluft), unvorhersehbare Risiken (etwa durch Störfälle)

5)     Verstöße gegen das Tierschutzgesetz (insbesondere § 17)

6)     Negative Beeinträchtigung des Standorts u.a. durch Werteverfall hiesiger Immobilien, notwendiger Mehraufwand zur Instandhaltung öffentlicher Straßen durch die Zunahme des Güterverkehres, Verunstaltung des Landschaftsbildes, Verlust von Arbeitsplätzen, Einbruch des Tourismus, etc.

7)     Sinkende Lebensqualität in Folge der negativen Auswirkungen (Nutzung von Freiflächen, Gärten, Wohnqualität)

 

 


Die vorhandene Infrastruktur im Sülzetal ist weder den hohen Ansprüchen von Tier- oder Futtertransporten noch dem Anstieg entstehender Abfallprodukte gewachsen. Ein weiterer Ausbau, der unweigerlich auf Kosten der Allgemeinheit ginge, ist unserer Auffassung nach inakzeptabel. Insbesondere die anfallende Gülle und die befürchtete Überdüngung unserer Ackerfläche würde ein immenses Problem darstellen, da diese bereits stark belastet sind.
Der Bestand der bereits vorhandenen Tieranlage darf nicht durch den Bau einer neuen Anlage noch weiter forciert werden. Die Ackerflächen unsere Orte sind dafür nicht ausreichend.

 

(Hinzu kommt, dass die Böden durch Chemikalien (Reinigungschemikalien), Medikamente (Antibiotika), Hormone (Stresshormone, Wachstumshormone) und möglicherweise durch gentechnisch veränderte Futterstoffe (gentechnisch verändertes Soja aus Brasilien oder USA, die in solchen Großmastanlagen zum Einsatz kommen) angereichert werden, deren Wirkungen bislang noch nicht vollständig geklärt, aber in der Massentierhaltung inzwischen üblich sind.

Experten vom UNO-Landwirtschaftsrat üben bereits Kritik am übermäßigen Chemieeinsatz, welcher die Bedürfnisse von Boden und Grundwasser sowie kleinbäuerlicher Landwirte ignorieren.

Wir fordern deshalb die Darstellung des Umgangs mit Reststoffen, Abfällen, Kadavern sowie der Gülleausbringung im Detail. Dazu gehören die Ausbringtechnik und die Festlegung des Zeitraumes. Darüber hinaus muss der Nachweis der Tauglichkeit der Flächen erfolgen. Die dafür übliche Berechnung, wonach auf einen Hektar eine bestimmte Fläche Stickstoff, Kalium oder Phosphor ausgebracht werden darf, reicht nicht aus.)

 
Bereits heute konstatiert die UNO für ein Drittel der fruchtbaren Böden weltweit anhaltende Schäden durch die Industrialisierung der Landwirtschaft.

Uns ist es ein besonderes Anliegen, unsere hochwertigen Böden, die angesichts der Verknappung landwirtschaftlich nutzbarer Flächen weltweit ein besonders kostbares Gut sind, nicht diesen Risiken und Schäden auszusetzen, sondern diese langfristig zu erhalten. Ebenso setzen wir uns für den nachhaltigen Schutz der Biotope und Gewässer sowie des Grundwassers ein – insbesondere im Hinblick auf zu befürchtende ansteigende Gülleausfuhren und damit einhergehende Nitratbelastungen.

Immerhin hat leider der Investor bereits selbst bewiesen, dass er nicht in jedem Falle in der Lage ist, dies sicher zustellen. Der Stemmerner Biotop hat sich bis heute nicht vollständig von den versehentlich eingeleiteten Chemikalien aus der Milchviehanlage erholt. Die schrecklichen Bilder des massenhaften Tiertodes sind noch gegenwärtig und auch die Ohnmacht davor, weil kaum eine Ahndung stattfand und die Bürger mit ihrer Wut zurückließ.

(Des weiteren zwingen die geologische Formation, Wasserhaltigkeit des Bodens, Denitrifikationsvermögen des konkreten Bewuchses zu einer quasi parzellenscharfen Festlegung der Düngemitteldichte. Zahlreiche Flächen sind aufgrund der Vorbelastungen nicht mehr geeignet, was dazu führt, dass auch nicht mehr geeignete Flächen zur Verfügung stehen können.)

Nicht nur die Böden und die Gewässer wären durch erhöhtes Gülleaufkommen bedroht, Gefahren gingen auch von den luftgetragenen Schadstoffen der Güllebestandteile aus. Die Gesundheit von Menschen und Tieren könnte durch Emissionen aus dem Stall, den (Gülle-Zwischenlagerungsorten sowie der Biogasanlage (Stickstoff, Phosphor und Kalium bleiben auch hier vollständig erhalten) gefährdet werden.

Insbesondere der Zwischenlagerungsort muss vollständig und mit geeigneten Mitteln abgedeckt und isoliert werden, um ein Austreten verhindern zu können. Bislang ist eine offene Lagerung an der 5-Wege-Kreuzung geplant, durch welche neben Stemmern auch die Gemeinde Dodendorf nachteilig beinträchtig würden.

Diesbezüglich ist auch die Geruchsbelästigung ein zentrales Thema und kann auch durch den Einsatz einer Biogasanlage nicht entschärft werden. Wir müssten im umfangreicheren Rahmen mit der Ausdehnung der Aufbringflächen bis hin nach Magdeburg- Südost mit 10% der Jahresstunden bzw.15% in Dorfgebieten leben. Dabei ist nicht nur die Zeit ausschlaggebend sondern auch die Art des Geruches, der bei Hühnerkot als besonders unangenehm empfunden wird und bereits in der Vergangenheit so intensiv stank, dass die Fenster nicht mehr geöffnet werden konnten. Es ist deshalb eine Erhöhung dieses Umstandes durch geplante Anlage nicht weiter zumutbar!

 

Neben unmittelbaren negativen Auswirkungen auf Natur, Mensch und Umwelt sind mit dem Betrieb von Massentieranlagen auch erhebliche Klimabelastungen verbunden, die unsere Umwelt anhaltend schädigen. Der Anteil der weltweiten Ammoniakemissionen, die erhebliche Auswirkungen auf Klimawandel haben, liegt bereits jetzt zu 90% in der Landwirtschaft.

(Beim Stickstoff steigen durch die Vergärung die Anteile an leicht löslichen N-Verbindungen und entweicht in gasförmigen Verbindungen (NH3) in die Atmosphäre. Es werden deshalb auch Filteranlagen mit relativ hohem technischem Aufwand notwendig, ebenso für die Stallabluft (3-Stufiges System). Die Wartung und Pflege erfordert ebenso eine regelmäßige Kontrolle von unabhängigen Instituten, was in einem eventuellen Genehmigungsbescheid auch so festgelegt werden muss.)

 


Auch hinsichtlich der Konformität der geplanten Anlage mit dem Tierschutzgesetz haben wir erhebliche Zweifel. Paragraf 2 des Tierschutzgesetzes besagt:

Wer ein Tier hält, betreut oder zu betreuen hat,

1. muss das Tier seiner Art und seinen Bedürfnissen entsprechend angemessen ernähren, pflegen und verhaltensgerecht unterbringen,

2. darf die Möglichkeit des Tieres zu artgemäßer Bewegung nicht so einschränken, dass ihm Schmerzen oder vermeidbare Leiden oder Schäden zugefügt werden,

3. muss über die für eine angemessene Ernährung, Pflege und verhaltensgerechte Unterbringung des Tieres erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten verfügen.

 

Wir bezweifeln, dass die geplante Anlage diesen Regelungen in ausreichender Weise Rechnung tragen kann. Im Bereich der Nutztierhaltung hat bei der Haltung und Zucht von Masthühnchen die stärkste Intensivierung stattgefunden. Die Folgen für das Wohlbefinden und die Gesundheit der Tiere sind dramatisch. Es handelt sich bei den Tieren um speziell gezüchtete Hybriden, die sich in ihren Merkmalen nicht mehr selbst weitervererben können. Die Mastdauer von nur ca. 30 Tagen wäre anders auch nicht zu bewerkstelligen und stellt auch für diese Hybriden eine massive körperliche Belastung dar, da neben den Platzproblemen auch das Muskelwachstum im Missverhältnis zur Gesamtkörperentwicklung, z.B. des Herzens steht, und viele Tiere bereits vor der Schlachtung stark erkranken oder verenden.

Die hohe Erkrankungs- und Sterblichkeitsrate im Vorfeld der Schlachtung stellt – neben dem nicht zu leugnenden Tierschutzproblem – auch Probleme hinsichtlich der medikamentösen Behandlung der erkrankten Tiere sowie der Tierkadaverbeseitigung dar.

Insbesondere den Einsatz von Antibiotika zur Therapie der erkrankten Tiere oder bereits zur Vorbeugung bewerten wir äußerst kritisch. Das eingesetzte Antibiotikum kann über die Nahrung sowie das Grundwasser in den menschlichen Organismus gelangen und fatale Folgen haben.

(Insbesondere die Tetracycline nehmen dabei den Hauptanteil ein, welche auch beim Menschen als wirksames Breitbandantibiotikum eingesetzt wurde, nun aber zunehmend mit der Entwicklung von Resistenzen an Wirksamkeit eingebüßt hat und nicht mehr in für Menschen wichtigen Erkrankungsbildern wirken kann ggf.zum Tode führt als sogenannte "Therapieversager". Die Tetracycline werden nämlich im Tier nur geringfügig verstoffwechselt und gelangen dadurch u.a. in diesen Wirtschaftsdünger, der in die Ackeroberflächen eingearbeitet wird. In Güllekrusten, die z.B. durch unvollständiges Unterpflügen entstehen, werden dann Werte erreicht, die deutlich über der minimalen Hemmkonzentration pathogener Keime liegen. So auch bei den Sulfonamiden und sind dann auch in Nutzpflanzen nachweisbar. Die Resistenzentwicklung ist eröffnet. Untersuchungen haben ergeben, dass auch nach Monaten sogar in Feldsalat und Winterweizen Antibiotika aus dem Boden aufgenommen wurden, sodass selbst Vegetarier sich dem nicht mehr entziehen können.)

Diesbezüglich bedeutet mehr Tierschutz (mit dementsprechend geringerem bis keinem Einsatz von Medikamenten) auch mehr Gesundheit für den Menschen. Milch ist nicht gleich Milch und Fleisch nicht gleich Fleisch.

 

Darüber hinaus ist die Industrialisierung der Landwirtschaft der falsche Weg für die Entwicklung des ländlichen Raumes. Mittelständige bäuerliche Betriebe können dem Preisdruck der industriellen Landwirtschaft nicht standhalten und werden vom Markt verdrängt, so dass die Region nur noch von einigen wenigen Großproduzenten abhängig ist. Diese setzen auf die Automatisierung der Produktion, Personal wird so weit wie möglich eingespart und maschinell ersetzt. Diese Rationalisierung entkräftet das häufig von Investoren vorgebrachte Argument der Arbeitsplatzbeschaffung durch die Ansiedlung industrieller Großmastanlagen. Übrig bleiben der Abbau von Arbeitsplätzen einerseits und eine extreme Belastung von Böden, Luft, Wasserhaushalt, Infrastruktur und Lebensqualität vor Ort zu Gunsten der Gewinnspanne eines Großbetriebes.


Wir befürchten, dass die Lebens- und Standortqualität der Gemeinde durch Emissionen und Gestank, Lärmbelastung durch erhöhtes Verkehrsaufkommen sowie eine Verunstaltung der Landwirtschaft sinken wird.

 

Damit verbunden ist die zu erwartenden Abwertung hiesiger Immobilien um bis zu 30%(!!), die niemand ausgleichend zahlt sowie eine geringere Attraktivität für neuere Investoren. (Die Umnutzungsmöglichkeit unseres Bahrendorfer Krankenhauses würde sinken und vorhandene Gewerbe wie z.B. der besonders sensible Bereich des Salzelmener Sole-Kurzentrums abgewertet werden.)

Wir haben auch Bedenken wegen der Anlagensicherheit im Bereich des Brandschutzes. Wir fordern die Auflistung der brennbaren Materialen und deren Mengen. Hiesige Feuerwehren halten derzeit keine geeigneten Brandbekämpfungsausstattungen bereit sowie spezielle Eigenschutzmöglichkeiten an schweren und ausreichenden Atemschutzgeräten. Auch muss das Brandschutzkonzept so angelegt sein, dass es die Rettung der Tiere im Brandfall innerhalb eines überschaubaren Zeitraumes zu ermöglichen ist. Dies muss auch in Hinblick dessen geplant werden, da die Tiere bei einem Brand schnell in Panik geraten und es sind zahlreiche Fälle bekannt, in denen die Evakuierung der Tiere nicht so sehr an fehlender Technik sondern an deren panischen Verhalten scheiterte. Auch diese muss im Brandschutzkonzept berücksichtigt werden. Darüber hinaus gibt es spezielle Richtlinien für den Brandschutz in größeren, gewerblich genutzten Gebäuden, die in der sog. Industriebaurichtline einzuhalten sein wird)

 

Aufgrund der vorgebrachten Bedenken lehnen wir die geplante Ansiedlung der Geflügelmastanlage in Stemmern ab. Stattdessen sollte der Bebauungsplan neu überdacht und die Entwicklung und Stärkung des ländlichen Raumes, der bäuerlichen Landwirtschaft sowie die Errichtung von Schutzgebieten forciert werden.